Forschung

Wie beeinflussen motivationale Faktoren die Knüpfung und Aufrechterhaltung von sozialen Beziehungen im jungen, mittleren und höheren Erwachsenenalter?

Positive soziale Beziehungen sind lebenswichtig in jedem Alter. Trotzdem wissen wir noch wenig darüber, wie Menschen unterschiedlichen Alters positive soziale Beziehungen knüpfen und aufrechterhalten. Wir gehen davon aus, dass die soziale Motivation in einem „top-down“ Prozess dazu massgeblich beiträgt. Dabei unterscheiden wir zwischen der Motivation, erwünschte soziale Zustände wie Liebe, Zuneigung und Akzeptanz anzustreben (soziale Annäherungsmotivation) und der Motivation, unerwünschte soziale Zustände wie Ablehnung, Konflikt und Einsamkeit zu vermeiden (soziale Vermeidungsmotivation). 

Bisherige Forschung an jungen Erwachsenen zeigt, dass soziale Annäherungsmotivation positive und soziale Vermeidungsmotivation negative Konsequenzen für das Knüpfen und Aufrechterhalten von sozialen Beziehungen hat (für eine Zusammenfassung dieser Forschung siehe Nikitin & Schoch, 2014). Sind diese Befunde für alle Altersgruppen generalisierbar?

Die Entwicklung im Erwachsenenalter weist sowohl Stabilität als auch Veränderungen auf (Terracciano, McCrae, & Costa, 2010). So gibt es vermutlich auch stabile motivationale Komponenten, die über die Zeit und Situationen hinweg das Erleben und Verhalten vorhersagen (Motive), sowie flexible motivationale Komponenten, die der Anpassung an die sich verändernde Umwelt ermöglichen (Ziele).

Unsere Forschung bestätigt diese Annahme. Soziale Annäherungs- und Vermeidungsmotive haben altersunabhängig positive bzw. negative Konsequenzen für das Individuum und seine sozialen Beziehungen, die durch Prozesse der Informationswahrnehmung (Nikitin & Freund, 2011), -interpretation (Nikitin & Freund, 2015b), -attribution (Schoch, Nikitin, & Freund, 2015) und des Verhaltens (Nikitin, Burgermeister, & Freund, 2012) erklärt werden können.

Im Gegensatz zu Motiven sind soziale Ziele altersabhängig. Soziale Annäherungsziele ermöglichen jungen Erwachsenen, neue soziale Beziehungen zu knüpfen, während soziale Vermeidungsziele bei älteren Menschen dem Umgang mit den zunehmenden Einschränkungen und Verlusten im sozialen Bereich dienen. Dementsprechend achten ältere im Gegensatz zu jüngeren Menschen generell stärker auf negative soziale Information (Nikitin & Freund, 2015a) und berichten vermehrt soziale Vermeidungsziele (Nikitin, Schoch, & Freund, 2014). Soziale Annäherungsziele sind wiederum wichtiger für das Erleben einer sozialen Interaktion bei jungen Erwachsenen (Nikitin et al., 2014). Gegenwärtig untersuchen wir psychologische Mechanismen, die diesen altersabhängigen Effekten zugrunde liegen.

Literatur

Nikitin, J., & Freund, A. M. (2011). Age and motivation predict gaze behavior for facial expressions. Psychology and Aging, 26, 695-700.

Nikitin, J., & Freund, A. M. (2015a). Adult age differences in frequency estimations of happy and angry faces. International Journal of Behavioral Development, 39, 266-274.

Nikitin, J., & Freund, A. M. (2015b). The indirect nature of social motives: The relation of social approach and avoidance motives with likeability via extraversion and agreeableness. Journal of Personality, 83, 97-105.

Nikitin, J., & Schoch, S. (2014). Social approach and avoidance motivations. In R. J. Coplan & J. C. Bowker (Eds.), Handbook of solitude: Psychological perspectives on social isolation, social withdrawal, and being alone (pp. 202-223). Wiley-Blackwell.

Nikitin, J., Schoch, S., & Freund, A. M. (2014). The role of age and motivation for the experience of social acceptance and rejection. Developmental Psychology, 50, 1943- 1950.

Schoch, S., Nikitin, J., & Freund, A. M. (2015). Why do(n’t) you like me? The role of social approach and avoidance motives in attributions following social acceptance and rejection. Motivation and Emotion, 39, 680-692.

Terracciano, McCrae, & Costa,  (2010). Intra-individual change in personality stability and age. Journal of Research in Personality44(1), 31-37.


Wie wirken sich negative Stereotype auf soziale Beziehungen aus?

Zahlreiche Studien demonstrieren, dass die Aktivierung eines negativen Stereotyps („Frauen sind schlechter in Mathematik als Männer“ oder „Das Gedächtnis verschlechtert sich mit dem Alter“) negative Auswirkungen auf die kognitive Leistung hat (Frauen schneiden schlechter in einem mathematischen Test ab, ältere Menschen in einer Gedächtnisaufgabe) (Hess, Auman, & Colcombe, 2003; Spencer, Steele, & Quinn, 1999). 

Wir wissen noch wenig darüber, ob sich solche Stereotype auch auf andere Lebensbereiche auswirken. Die Vermutung liegt nahe, dass Stigmatisierung soziale Beziehungen beeinflusst, in dem es die soziale Motivation (die Motivation, mit anderen Menschen Beziehungen zu knüpfen und aufrechtzuerhalten) reduziert. Stigmatisierung kann zu Unsicherheit über die Zugehörigkeit zu relevanten sozialen Gruppen führen (z.B. von Frauen zu Studierenden oder von älteren Arbeitnehmern zu Arbeitskollegen). Das wiederum kann zu sozialem Vermeidungsverhalten führen.

Unsere bisherigen Studien (Nikitin & Martiny, 2016) bestätigen diese Annahmen. Die Aktivierung von negativen Stereotypen über Frauen in Mathematik führt bei weiblichen Studierenden zu einer verminderten sozialen Annäherungsmotivation (die Motivation, positive soziale Beziehungen mit anderen zu suchen). Dieser Effekt ist mediiert durch reduzierte Zugehörigkeitsgefühle dieser Frauen der Universität und anderen Studierenden gegenüber.

Diese Befunde zeigen, dass negative Stereotype nicht nur die kognitive Leistung, sondern auch andere wichtige Lebensbereiche beeinflussen können. Gegenwärtig untersuchen wir, ob ähnliche Effekte und Prozesse auch bei älteren Arbeitnehmenden wirksam sind. Die Angst, als älterer Mensch negative Altersstereotype zu bestätigen könnte dazu führen, dass sich ältere Arbeitnehmende aus sozialen Interaktionen am Arbeitsplatz zurückziehen.

Literatur

Hess, T. M., Auman, C., Colcombe, S. J., & Rahhal, T. A. (2003). The Impact of Stereotype Threat on Age Differences in Memory Performance. The Journals of Gerontology Series B: Psychological Sciences and Social Sciences 58, P3–P11.

Nikitin, J., & Martiny, S. E. (2016, September). The activation of negative gender stereotypes makes women less socially motivated. Paper presented at the 50th Conference of the German Psychological Society, Leipzig, Germany.

Spencer, S. J., Steele, C. M., & Quinn, D. M. (1999). Stereotype Threat and Women’s Math Performance. Journal of Experimental Social Psychology35, 4–28.


Welche psychologischen Faktoren tragen dazu bei, dass sich Menschen aktiv aufs Alter vorbereiten?

Wie Menschen im mittleren und höheren Erwachsenenalter das Alter(n) wahrnehmen, beeinflusst ihr eigenes Altern in vielen Bereichen wie kognitive und körperliche Leistung (Levy, 2003), Gesundheit (Levy, Zonderman, Slade, & Ferrucci, 2009) und Lebenserwartung (Levy, Slade, Kunkel, & Kasl, 2002). Der Grund für diese Effekte liegt vermutlich darin, dass Stereotype über das Alter das eigene Selbstbild beeinflussen und dadurch eine selbsterfüllende Prophezeiung auslösen (Bennett & Gaines, 2010; Levy, 2009; Rothbaum, 1983; Rothermund, 2005). Wenig ist bis heute darüber bekannt, ob sich die Sicht aufs Alter(n) auch auf die Vorbereitung auf das Leben im Alter auswirken.

In einem internationalen Projekt (http://www.alternalszukunft.uni-jena.de) untersuchen Forscher aus Deutschland, den USA und Hong Kong kulturell bedingte psychologische Faktoren, die die Alter(n)sbilder und dadurch das eigene Verhalten im Alter vorhersagen. Wir erweiterten diese Forschung um ein weiteres Land, die Tschechische Republik (Nikitin & Graf, 2016).

Die Einstellung dem Staat gegenüber ist in der Tschechischen Republik – wie in allen postkommunistischen Ländern – paternalistisch. Menschen erwarten eine hohe Verantwortung des Staates für die soziale Versorgung der Bürger. Gleichzeitig ist das soziale System in der Tschechischen Republik relativ unterversorgt (http://www.mpsv.cz/cs/2856). Das führt zu einer Kluft zwischen den Erwartungen der Menschen und der sozialen Realität. Aus dieser Kluft resultiert die Sicht, alte Menschen seien finanziell und gesellschaftlich benachteiligt. Wenn sich Menschen gesellschaftlich benachteiligt fühlen, tendieren sie wiederum zu einer relativen „Kurzsichtigkeit“, einer relativen Präferenz für unmittelbare zulasten späterer Belohnungen (Daly & Wilson, 2005). Dementsprechend fanden wir in einer ersten Studie (Nikitin & Graf, 2016), dass Menschen mit einer negativen Sicht vom Alter weniger dazu tendieren, sich aufs Alter aktiv vorzubereiten als Menschen mit einer positiven Sicht.

Die Ergebnisse aus der ersten Studie sollen künftig in einer grösseren Stichprobe repliziert werden. Ausserdem ist eine längsschnittliche Untersuchung geplant, in der die Vorbereitung aufs Alter über mehrere Jahre bei unterschiedlichen Kohorten untersucht werden kann.

Literatur

Bennett, T., & Gaines, J. (2010). Believing What You Hear: The Impact of Aging Stereotypes upon the Old. Educational Gerontology36, 435–445.

Daly, M., & Wilson, M. (2005). Carpe Diem: Adaptation and Devaluing the Future. The Quarterly Review of Biology80, 55–60.

Levy, B. R. (2003). Mind Matters: Cognitive and Physical Effects of Aging Self-Stereotypes. The Journals of Gerontology Series B: Psychological Sciences and Social Sciences 58, P203–P211

Levy, B. R. (2009). Stereotype Embodiment: A Psychosocial Approach to Aging. Current Directions in Psychological Science18, 332–336.

Levy, B. R., Slade, M. D., Kunkel, S. R., & Kasl, S. V. (2002). Longevity increased by positive self-perceptions of aging. Journal of Personality and Social Psychology, 83, 261-270.

Levy, B. R., Zonderman, A. B., Slade, M. D., & Ferrucci, L. (2009). Age Stereotypes Held Earlier in Life Predict Cardiovascular Events in Later Life. Psychological Science 20, 296–298.

Nikitin, J. & Graf, S. (2016, July). Views on aging and their correlates in the Czech Republic. Poster presented at the Aging as Future Conference, Nürnberg, Germany.

Rothbaum, F. (1983). Aging and Age Stereotypes. Social Cognition2, 171–184.

Rothermund, K. (2005). Effects of age stereotypes on self-views and adaptation. In The adaptive self. Personal continuity and intentional self-development (pp. 223–242). Göttingen, Germany: Hogrefe.